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Calling Bullshit: wie man Schwachsinn erkennt

„Nichts von dem, was ihr im Laufe eures Studiums lernen werdet, wird euch auch nur im Geringsten von Nutzen sein“, sagte der Oxford-Philosophieprofessor John Alexander Smith 1914 zu seinen Studenten, „außer: Wenn ihr hart und intelligent arbeitet, solltet ihr in der Lage sein, zu erkennen, wann ein Mann Mist redet.“

Smith würde sich wahrscheinlich freuen, wenn er das neueste Buch von Carl Bergstrom und Jevin West gelesen hätte: Calling Bullshit.

Eine kleine Übung aus dem Buch zu Beginn: nehmen wir an, eine bestimmte Virusepidemie hätte eine Infektionsrate von 0,1% und jetzt versucht man, durch Schnelltests dem Infektionsgeschehen Herr zu werden. Frage: Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, bei einem positiven Testergebnis wirklich am Virus erkrankt zu sein, wenn die Falsch-Positivrate des Tests 5% beträgt (also 95% aller positiven Testergebnisse haben auch wirklich das Virus)? Wir vereinfachen das Beispiel durch die Annahme, dass es keine falsch-negativen Tests gibt.

Spoiler: wenn Sie auf eine Wahrscheinlichkeit von größer 2% kommen, dann ist das Buch auch für Sie interessant. Keine Sorge, Bergstrom und West sagen, dass sogar die Mehrheit aller befragten Mediziner zu einem falschen Ergebnis kommt.

Aber jetzt zum Buch: Bergstrom und West behaupten, dass Menschen ziemlich gut darin sind, verbalen Schwachsinn („Bullshit“) zu erkennen. Die Mitglieder dieser Spezies redeten schließlich schon seit Jahrtausenden Blödsinn, und die Warnzeichen dafür seien bekannt. Bullshit in Form von Daten sei dagegen außerhalb wissenschaftlicher Kreise relativ neu. Multivariate Diagramme und komplexe Visualisierungen würden heute, wo Smartphones und andere Geräte zum Sammeln von Informationen die Anhäufung von Big Data beschleunigt haben, routinemäßig der breiten Öffentlichkeit präsentiert. Während Daten auf der einen Seite genutzt werden könnten, um bemerkenswert tiefe und einprägsame Geschichten zu erzählen, so Bergstrom, könnten sie auf der anderen Seite durch ihre scheinbare Raffinesse und Präzision effektiv eine Menge Bullshit verschleiern. Aus urheberrechtlichen Gründen können wir in diesem Beitrag keine der Grafiken aus dem Buch zeigen, aber sie sind beeindruckend. vor allem darin, wie sie die Wahrheit verdrehen und eine alternative Realität erzählen können, ohne dass die zugrundeliegenden Daten falsch sind.

Die Autoren sind der Meinung, dass man für die Entlarvung von Daten, egal ob groß oder klein, keinen Abschluss in Statistik braucht, sondern nur einen gesunden Menschenverstand und ein paar Denkgewohnheiten. „Man muss nicht alle Zahnräder in einer Blackbox verstehen, um das, was einem erzählt wird, zu bewerten“.

Hier einige ihrer Insights:

Eine besonderer Lesegenuss ist Kapitel 8 des Buches mit der Überschrift „Calling Bullshit on Big Data“. Hier analysieren die Autoren, wie Maschinen denken und wie KI zu ihren Entscheidungsverfahren kommt und zeigen an konkreten Beispielen, wie zum Beispiel KI Gesichtserkennung funktioniert (und scheitert). Unter anderem, warum die derzeit beste KI einen Husky für einen Wolf hält:

Denken Sie an das Bullshit-Asymmetrie-Prinzip, das der italienische Softwareentwickler Alberto Brandolini 2013 formulierte: Die Energie, die benötigt wird, um Bullshit zu widerlegen, ist um eine Größenordnung größer als die, die benötigt wird, um ihn zu produzieren. Oder, wie Jonathan Swift es 1710 formulierte: „Die Lüge fliegt, und die Wahrheit humpelt hinterher“.

Notes:

Das Buch kann man natürlich auch in lokalen Büchereien bestellen, zum Beispiel hier.

Die Zeitschrift New Yorker hat einen interessanten Artikel über die Autoren geschrieben. Den gibt’s hier.

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