Auf dem Weg zu Neuer Nachhaltigkeit

* MEINUNG * Plädoyer für ein neues Verständnis von Nachhaltigkeit * Unternehmen und Politik benötigen unsere Hilfe * Geben wir sie Ihnen *

Lasst uns ehrlich sein: wir haben keine Ahnung, wie wir damit umgehen sollen. Der Klimawandel hat deutlich spürbare Auswirkungen auf das Ökosystem und alle tierischen und pflanzlichen Bewohner unseres Planeten. Plastik in den Weltmeeren ist schon lange kein Spleen von Umweltfetischisten mehr, sondern ernst zu nehmendes Problem für den Fischbestand. Das Artensterben ist wahrscheinlich 1.000 Mal größer als wir es für normal erachten. Und die langfristigen Auswirkungen auf die Gesellschaft und das Leben in 20 oder 50 Jahren vermögen wir uns nur in Ansätzen vorzustellen.

Die Ursachen kennen wir auch ziemlich gut. Energie, Mobilität, Transport, Schadstoffe, Lebensmittelproduktion, Verteilungsfragen. Leider sind es die zentralen Aspekte unserer Lebensweise. Nur ein kleines Beispiel: jeder Flug nach New York erzeugt pro Person ca. 3,6 to CO2, bei einem langfristigen Ziel-Budget von 1 to pro Person pro Jahr. Jedes Jahr 1/4 Flug inklusive Geschäftsreisen, toll. Wir werden das Problem nur lösen können, wenn es zu einschneidenden Veränderungen kommt. Das Problem ist nicht das Auto, es ist die Idee, dass jede zweite Mensch in Deutschland eines besitzen sollte. Das Problem hängt mit unserer Lebensweise zusammen.

Wir haben keinen Mangel an Kenntnis über die Ursachen und Auswirkungen, wir verspüren einen Mangel an Ideen, wie wir aus der Situation wieder rauskommen können.

Und sind wir weiter ehrlich: die Bio-Gurke wird unser Problem nicht lösen und der nachwachsende Strohhalm auch nicht. Es stehen grundlegende Veränderungen im Raum, die diametral gegen alles stehen, was die menschliche Gesellschaft in den letzten 200 Jahren erfolgreich gemacht hat. Technischer Fortschritt, Verbesserung der Lebensverhältnisse, Wohlstand stehen auf dem Spiel.

Und in dieser Situation stehen wir und bedauern, dass die Politik nicht tiefgreifend genug gegen die „drohende Katastrophe“ vorgeht, wenn Politiker auf der ganzen Welt fürchten müssen, sofort wieder abgesetzt zu werden, wenn sie Maßnahmen ergreifen, die die Lebensumstände auf den Kopf zu stellen drohen. Und Unternehmen sollen Produkte herstellen, die unpraktischer und umständlicher sind als vorher. Die Zahl der Käufer wird sich in Grenzen halten.

Man könnte verzweifeln in einer Situation, in der die Folgen des Handelns schädlich und alle Maßnahmen zur Behebung der Ursachen unpopulär sind. Und ich meine unpopulär im wahrsten Sinne des Wortes: welcher vernünftige Mensch würde ein System, das dem Menschen im Großen und Ganzen über 200 Jahre gut gedient hat, durch einen Aufbruch ins Ungewisse ersetzen.

Wir brauchen ein neues Verständnis von Nachhaltigkeit, einen Weg, wie Bürger, Unternehmen und Staaten gemeinsam umsteuern und eine neue Ordnung schaffen, die die Probleme der bisherigen Lebensweise vermeidet.

Wenn wir die zentralen Erfolgsfaktoren der bisherigen Entwicklung betrachten, dann bin ich bei Yuval Harari: technischer Fortschritt und Institutionen haben das Leben – bei allen Problemen – für die meisten Menschen besser, gesünder und länger gemacht. Und nur diese beiden Faktoren werden uns auch eine Verbesserung ermöglichen, oder zumindest wird es gegen diese beiden Faktoren nicht gehen.

Ausgangspunkt für Verbesserungen kann nur der mündige Bürger sein. Ganz im Kant’schen Sinne muss er seinen Verstand benutzen und daraus Taten ableiten. Und die wichtigste Tat ist, wählen zu gehen und bewusst zu konsumieren. Ohne Rückversicherung durch die Basis werden weder politische Institutionen noch Unternehmen ihr Verhalten grundlegend ändern. Wenn Märkte für Umweltverbesserungen entstehen, steht auch Geld für Forschung und damit technischen Fortschritt bereit. Und Politik und Wirtschaft sind miteinander verbunden. Die Extraktion von CO2 aus der Luft ist wahrscheinlich die naheliegendste Methode, kurzfristig Verbesserungen zu erzielen. Die Forschung steht am Anfang und es wird viele Milliarden kosten und viele Jahre dauern, eine universell einsetzbare Lösung zu finden. Dieses Geld wird von der Politik (genauer: den politischen Institutionen) zur Verfügung gestellt werden müssen, da kein Unternehmen auf der Welt sich bereit erklären wird, auf eine ungewisse Erfolgsaussicht hin dieses Geld zu investieren. In der Zwischenzeit müssen aber die Wirtschaftsunternehmen daran arbeiten, ihren CO2-Ausstoß zu minimieren. Nur parallel gleichgerichtet funktioniert die Idee, über das CO2 das Klima in den Griff zu bekommen. Die Politik bekommt (selbst in Diktaturen) ihre Legitimation dazu von den Bürgern und die Unternehmen von den Kunden. Und am Ende des Tages sind beides die gleiche Person: wir selbst.

Und wir werden akzeptieren müssen, dass nicht alle Länder im gleichen Maße an dem Verbesserungsprozess aktiv gestaltend teilnehmen werden können. Vorneweg müssen die westlichen und östlichen Industrienationen gehen. Sie werden Technologien ausprobieren müssen und dann können „wirtschaftlich weniger entwickelte“ Regionen auf Basis dieser Lernkurve direkt die sich als am besten erwiesenen Technologien einsetzen.

Die Neue Nachhaltigkeit ist ein durch Bürger angestoßener Prozess.

Ich kenne einige Menschen, die mittlerweile bewusst auf bestimmte Flugreisen verzichten, weil es sich in ihrem Umweltgewissen regt. Das finde ich äußerst ermutigend, denn wenn der Kurztrip nach Bora Bora kein Statussymbol mehr ist, kann Veränderung geschehen. Ich kenne mittlerweile viele Menschen, die auf die Verpackung im Supermarkt achten. Finde ich hervorragend, denn dieses Signal verstehen Unternehmen erfahrungsgemäß am besten und schnellsten. Ich liebe die Fridays for Future Bewegung (wie Leser dieses Blogs ja schon wissen), aber nicht, weil ich finde, dass alle dort vorgeschlagenen Lösungen zu Ende gedacht und praktikabel sind, sondern weil diese Bewegung den Denkprozess anregt und die eigenen Argumente schärft. Die Kinder heute sorgen sich um ihre Zukunft – einen besseren Anstoß für einen „Change of mind“ kann ich mir kaum vorstellen.

Verantwortungsvolle Unternehmen müssen mit vorangehen.

Man wünscht sich manchmal mehr Mut, es gibt doch Erfolgsstories. Zum Beispiel die Werner + Mertz GmbH (man kenn sie besser mit Marken wie Erdal und Frosch). In den 80er Jahren Avantgarde im Bereich umweltfreundlicher Reiniger, heute weltweit akzeptierte Marke. Ich kenne die Firma nicht im Detail und kann nicht beurteilen, wie „glaubwürdig“ die Nachhaltigkeitsphilosophie in allen Verästelungen ist, aber das Interessante erscheint mir: es gibt Kundeninteresse und damit einen Markt für umweltfreundliche Reiniger!

Ich verstehe, dass sich Multinationals mit Standorten auf der ganzen Welt viel schwerer tun, ohne echte Märkte hier jenseits des „Greenwashing“ aktiv zu werden. Auf der anderen Seite gibt es genügend verantwortungsvolle Mittelständler, die vorangehen können. Dann müssen die eben anfangen.

Aber individuelle Verantwortung alleine reicht nicht: wir müssen den Unternehmen auch die Märkte geben, in denen sie sinnvoll etwas für unsere Zukunft tun können. Und das geht am besten mit dem Einkaufswagen.

Ein völlig unterschätztes Gut ist der Wahlzettel.

Lange haben wir gedacht, dass unsere Stimme irgendwie nicht zählt. Aber die Entwicklungen bei den letzten Wahlen in Bayern und Dänemark sind ermutigend. „Grüne“ Themen haben die Wahl deutlich beeinflusst und wer den derzeitigen bayerischen Ministerpräsidenten von früher kennt, muss sich verwundert die Augen reiben, wie Artenvielfalt und Klimawandel plötzlich im Zentrum der politischen Agenda stehen. Wir können es zu unserem Vorteil nutzen, dass Politiker bisweilen eine – vermutlich ihrem Beruf innewohnende – Flexibilität besitzen. Die Europawahl ist ein weiteres Beispiel, es ist heute nicht völlig undenkbar, dass eine zukunftsorientierte dänische Politikerin EU-Kommissionspräsidentin wird; wer hätte das gedacht.

Unsere Aufgabe: Datenpunkte setzen!

Wir leben im Zeitalter von Big Data. Unternehmen, Regierungen, NGOs versuchen den „Kundenwillen“ aus Messdaten des menschlichen Verhaltens abzuleiten und Zusammenhänge aufzuspüren, die ihnen so nicht aufgefallen wären. Stellen Sie sich vor, wir geben ihnen die Daten, die sie verdienen.

  1. An der Kasse
  2. In Umfragen zum Thema Klimaschutz und Nachhaltigkeit
  3. In Petitionen
  4. Bei Wahlen und Wahlumfragen
  5. Auf Social Media (Hashtags sind ein machtvolles Tool)

Nähmen wir an, es gäbe eine Facebook-Kampagne, dass Facebook ihr Firmenlogo grün machen sollte aus Respekt vor unserer gesellschaftlichen Aufgabe. Bei wievielen Likes würde Facebook schwach werden? Ich tippe, 100 Mio. User reichen.

Wo führt uns Neue Nachhaltigkeit hin?

Neue Nachhaltigkeit ist ein Prozess der politischen und ökonomischen Willensbildung. Wir Bürger müssen unsere besondere Verantwortung wahrnehmen, die Umstände unseres Lebens selbst zu bestimmen. Niemand kann vorhersehen, wohin das führt. Neue Technologien werden entstehen, Unternehmen werden umweltfreundlicher werden und in einem Klima der Entspanntheit können grundlegende Veränderungen unserer Lebensweise angegangen werden. Das Problem an einer CO2-Steuer ist nicht die übermäßige Belastung der Berufspendler (von denen ich auch gelegentlich einer bin), sondern das Berufspendeln an sich mit dem dazu gehörigen Bedarf an individueller Mobilität ist das Problem. Warum arbeitet eigentlich jeder da, wo der andere wohnt?

Wir können keine tiefgreifenden Veränderungen der Mobilität anstreben, ohne ein Klima schaffen (sorry für dieses Wortspiel), in dem es ganz natürlich und im Interesse von Bürgern und Unternehmen ist, möglichst wenig Fahrstrecke zwischen Wohnung und Arbeitsort zu haben. Neue technologische Verkehrskonzepte werden flankierend diese positive Auswirkung unterstützen. Gleiches gilt für alle Bereiche der Veränderung.

Aber die Voraussetzung dafür ist ein gesellschaftlicher Konsens, dass wir uns verändern müssen. Angestoßen von den Bürgern, aufgegriffen von den Unternehmen wird es nicht lange dauern, bis die Politik den Ball aufnimmt. „Think global, act local“ ist meines Erachtens überaltert, der neue Ansatz muss lauten „think local, act global“.

Notes:

Dieser Beitrag stellt die persönliche Meinung des Autors dar. Kritik und Gegenargumente werden ausdrücklich herzlich willkommen geheißen. Wer glaubt, die einzige Wahrheit zu kennen, ist wahrscheinlich auf dem Holzweg.

Über den Autor:

Dr. Marcel Pietsch ist studierter Volkswirt und Philosoph. Er führt ein Familienunternehmen, das sich mit Nachhaltigkeit beschäftigt und weiss aus eigener Erfahrung, dass Fortschritt in diesem Bereich erkämpft und viel Überzeugungsarbeit geleistet werden muss, nicht nur bei staatlichen Institutionen, sondern auch bei Kunden.

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