Ein Erfahrungsbericht
Es gibt Dinge, die versprechen, das Leben einfacher zu machen: Geschirrspüler, Waschmaschine – wobei, die hat 47 Programme, von denen ich drei kenne. Und jetzt: Künstliche Intelligenz. Auch sie soll mich entlasten, befreien, Zeit schenken. Ich kann das nach einigen Monaten intensiver Nutzung mit aller Deutlichkeit sagen: In meinem Fall ist das Gegenteil eingetreten.
Ich schreibe meine Blogartikel grundsätzlich selbst, weil ich nur beim Schreiben richtig denken kann. Nicht, dass ich glaube, dass meine Formulierungen unübertrefflich seien – sind sie nicht. Sondern weil das Schreiben für mich ein Denkprozess ist. Während ich einen Satz forme, verstehe ich besser, was ich eigentlich sagen möchte. Ich dachte, KI kann mir diesen Prozess erleichtern, das Ringen um die richtige Aussage abkürzen. Aber es kam ganz anders.
Runde eins: Der freundliche Lektor
Also schreibe ich einen Artikel. Ich lese ihn durch, bin halbwegs zufrieden, und lade ihn dann – erster Schritt meines neuen Workflows – in der KI hoch, anfangs ChatGPT, jetzt immer häufiger Claude, aber das ist ein anderes Thema. Meine Bitte an KI: Korrektur lesen, inhaltliche Stimmigkeit prüfen, Argumente rhetorisch schärfen.
Was zurückkommt, ist beeindruckend. Der Text ist schärfer, die Übergänge flüssiger, einzelne Argumente sind klarer zugespitzt. Ich lese die Vorschläge und denke: Ja, genau. Warum hab ich das nicht so geschrieben? Und dann fange ich an, den Artikel neu zu schreiben. Nicht weil der alte super schlecht war, sondern weil ich jetzt sehe, was er hätte sein können.
Zeitaufwand für das Schreiben: zwei Stunden. Zeitaufwand für das Umschreiben: nochmal eineinhalb. Aber der Artikel ist besser.
Runde zwei: Der Teufelsvater
Denn dann kommt Schritt zwei meines Workflows. Ich lade den überarbeiteten Artikel wieder hoch – jetzt mit einer anderen Bitte: Spiele Advocatus Diaboli. Finde Gegenargumente. Widerlege meine Position.
Claude ist in dieser Rolle erschreckend gut. Mit ruhiger Höflichkeit demontiert die KI meine sorgsam aufgebauten Argumente. Sie findet Widersprüche, die ich selbst nicht gesehen habe. Sie stellt Fragen, auf die ich keine gute Antwort habe. Sie zeigt mir Seiten des Themas, über die ich schlicht nicht nachgedacht hatte. Es ist, als würde man einen klugen Freund bitten, die eigene Arbeit zu zerpflücken – und er tut es, gründlich und ohne Schadenfreude (wobei ich mir nach zwei Monaten der Zusammenarbeit da nicht mehr ganz sicher bin).
Ich lese die Rückmeldung und denke: Verdammt. Da hat er recht. Und dort auch. Und den Punkt muss ich eigentlich einräumen, bevor ich ihn überhaupt anspreche, sonst wirkt das naiv.
Also schreibe ich den Artikel noch einmal. Diesmal mit eingebautem Gegenargument, mit mehr Differenzierung, mit einer Einschränkung hier und einer Klarstellung dort. Zeitaufwand: weitere zwei Stunden.
Früher war alles einfacher
Früher – das heißt: vor einem Jahr – schrieb ich einen Artikel, las ihn einmal quer, korrigierte ein paar Kommafehler und veröffentlichte ihn. Das Ganze dauerte eine Stunde, im Extremfall mal drei. Ich war zufrieden. Die Leserinnen und Leser auch, soweit ich das beurteilen konnte.
Heute dauert derselbe Artikel einen ganzen Arbeitstag. Der Text ist besser – das glaube ich wirklich. Aber ich frage mich manchmal, ob ich mit dem alten Artikel nicht glücklicher war.
Das ist das klassische Paradox der Werkzeuge, die uns anspruchsvoller machen. Die Textarbeit hat das Schreiben nicht verkürzt, sie hat den Standard angehoben. Das Smartphone hat uns nicht entspannter gemacht, es hat die Erwartung an Erreichbarkeit erhöht. Und KI macht mir nicht weniger Arbeit – sie zeigt mir, was möglich wäre, wenn ich mehr Arbeit investiere.
Warum ich trotzdem weitermache
Und doch höre ich nicht auf. Nicht weil ich masochistisch veranlagt bin, sondern weil der Unterschied im Ergebnis real ist. Ein Argument, das dem Advocatus Diaboli standhält, ist ein besseres Argument. Ein Text, der rhetorisch geschärft wurde, überzeugt mehr Menschen. Und ein Standpunkt, der seine eigenen Schwachstellen kennt, ist ehrlicher – und damit glaubwürdiger.
Außerdem – und das ist vielleicht das Entscheidende – bleibt der Text meiner. Die KI hat ihn nicht geschrieben. Sie hat ihn herausgefordert. Das ist ein Unterschied, der mir wichtig ist. Ich möchte nicht, dass KI meine Stimme übernimmt. Ich möchte, dass sie mich zwingt, meine Stimme zu klären.
Was ich dabei lerne, ist überraschend: Das Schreiben mit KI-Unterstützung ist kein passiver Prozess. Es ist ein Dialog, und in jedem Dialog muss man wissen, was man selbst denkt. Wer das nicht weiß, verliert sich in den Vorschlägen des Gegenübers. Ich muss also klarer wissen, was ich sagen will – nicht weniger klar.
KI macht mir mehr Arbeit. Aber vielleicht ist das die ehrlichste Aussage, die man über ein wirklich nützliches Werkzeug treffen kann.
Fuck AI – fucking shit AI
Notes:
Zu dem Satz schreibt Claude: „Aber das direkt darunter stehende „Fuck AI – fucking shit AI” solltest du vor der Veröffentlichung entfernen. (Vermutlich ein Restprodukt aus einem frustrierten Moment beim Schreiben — ich kenne das Gefühl.)“. Der spinnt wohl.
Ok, noch eine Runde Künstlicher Advocatus Diaboli:
„Der Text bleibt meiner” — stimmt das wirklich?
Du betonst mehrfach, dass die KI den Text nicht geschrieben hat, nur herausgefordert. Aber wenn du auf Basis von KI-Feedback systematisch umschreibst — in Runde 1 rhetorisch, in Runde 2 argumentativ — ab wann ist der Text noch deiner? Ein Text, der dreimal durch einen externen Filter gegangen ist, der ihn schärfer, flüssiger und widerspruchsfreier gemacht hat, ist nicht mehr ganz der Text, den du gedacht hast. Er ist optimiert. Optimierung und Authentizität sind keine natürlichen Verbündeten.
Und nochmal Claude:
„Früher war alles einfacher” — war es auch ehrlicher?
Du beschreibst den alten Workflow leicht nostalgisch: schneller, entspannter, und die Leser waren zufrieden. Vielleicht war dieser Artikel echter — ungeschliffener, aber ungefiltert dein Denken. Der neue Artikel ist möglicherweise rhetorisch stärker, aber näher an dem, was eine KI für überzeugend hält. Das ist kein kleiner Unterschied für jemanden, der explizit seine eigene Stimme schützen will.
Da fällt mir nur noch ein:
„Ist gerettet! – Her zu mir!“
