Klimawandel 2: warum wir in Deutschland keine erfolgversprechende Umweltbewegung haben (werden?)

* Meinung *

Wie bitte, keine erfolgversprechende Umweltbewegung in Deutschland? Wir sind doch das Mutterland des Umweltschutzes und haben mit Saurem Regen, Atomkraft und Bienensterben bewiesen, dass wir es können?

Das Titelbild dieses Beitrags stammt aus dem Jahr 2017. Es zeigt Golfer in Beacon Rock, USA, die vor der Kulisse eines Waldbrandes ungerührt weiterspielen. Das erinnert mich an die Situation der Umweltbewegung in Deutschland.

Ich präzisiere meine Eingangsaussage dahingehend: wir haben für die Themen der Zukunft keine geeignete Umweltbewegung und ich bin auch pessimistisch, dass wir in gebotener Frist eine haben werden. Ich glaube, der Grund dafür ist, dass wir (mich eingeschlossen) der falschen Annahme anhängen, dass wir mit kleinen Korrekturen und viel Technologie die großen gesellschaftlichen Herausforderungen werden bewältigen können. Und ich glaube, dass dieser Ansatz zu und vor allem ins Nichts führt.

Wie ich zu diesem Schluss komme, erkläre ich gerne:

Die Herausforderungen benötigen strukturell neue Ansätze

Erstes Beispiel Klimawandel: wir wissen, dass wir auf dem Abhang in Richtung globaler Erwärmung schon ein ganzes Stück weit abwärts gerutscht sind. Eine erfolgreiche Strategie gegen Klimawandel (oder globale Erwärmung, wie es eigentlich korrekter heissen müsste; wer hat eigentlich das ambivalente Wort Klimawandel so tief im Diskurs verwurzelt?) betrifft alle ökonomischen Aktivitäten von der Energiegewinnung über Transport, Landwirtschaft und Industrie. Nehmen wir einen kleinen Ausschnitt aus diesem Problem, den Transportsektor, und betrachten den Stand der Diskussion dazu heute:

Benzinmoroten sind umweltschädlich, wir müssen auf Elektromobilität umstellen – Soviel Lithium und andere seltene Erden gibt es nicht auf der Welt und die Gewinnung ist ausbeuterisch – ok, dann bleiben wir beim Benzinmotor und ab und zu kauft sich einer ein Elektromobil

Kennen Sie dieses Muster? Eine bestimmte Technologie (z.B. der PKW) hat ein bestimmtes Verhalten erzeugt (Individualmobilität, jeder fährt mit dem eigenen Auto zur Arbeit). Die Auswirkungen des Verhaltens bei gegebener Technologie sind schädlich, also suchen wir eine Alternativtechnologie (z.B. Batteriefahrzeuge) und stellen fest, dass das ohne Probleme nicht möglich ist, wenn sich das gesellschaftliche Verhalten nicht ändert. Die Diskussion versandet, weil die Abwägung zwischen den verschiedenen Schäden nicht zu einem eindeutigen Ergebnis führt – alles bleibt beim Alten.

Wann diskutieren wir darüber, dass das Problem nur zum kleinen Teil aus der Technologie kommt, sondern aus deren extensiver Nutzung? Am Automobil ist nichts außergewöhnlich schlecht… schlecht ist, dass es zu viele machen. Das Problem lässt sich in einem Satz zusammenfassen:

Verhalten erzeugt größere Schäden als Technologie.

Das bedeutet nicht, dass wir nicht an neuen Technologien forschen sollten, im Gegenteil. Aber die Lösung des Klimaproblems wird nicht alleine durch neue, umweltfreundliche Antriebe gefunden werden, sondern effektiv durch eine substantielle Änderung unseres Verhaltens (z.B. den Individualverkehr).

Zweites Beispiel Gentechnologie. Von Dominik Herles in seinem Buch „Zukunftsblind“ hervorragend veranschaulicht, wie Gentechnik zu einer Spaltung der Gesellschaft führen kann, wenn Oberschichten ihr Erbgut optimieren und Staaten sich ein genetisches Wettrüsten liefern. Verstehe ich. Die Gentechnik erzeugt durch ihre Nutzung Risiken, die zum Ende der Gesellschaft führen können. Was tut man dagegen? Vermutlich Regulierung, die die Grenzen des Erlaubten absteckt? Oder mindestens das Verbotene nicht aktiv fördert? 1973 haben Forscher in Stanford erstmals eine Genschere eingesetzt, um Erbgut auf andere Organismen zu übertragen. Heute ist Crisps/CAS9 weltweit Alltag im Einsatz. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft DFG hat zuletzt 2018 ein großes, mehrjähriges Forschungsprogramm zu Crispr/CAS9 aufgelegt. Der deutsche Ethikrat mahnt zur Vorsicht.

Wie halten wir diese Spannungsfelder eigentlich aus?

Leben wir in einer Utopie?

Heute tun wir so, als handele es sich bei allen zukunftsethischen Fragen um isolierte Einzelfragen der Technologie, die sich separat voneinander lösen lassen – und nicht um Fragen des Verhaltens! Der Mensch diskutiert seine gewohnten Verhaltensweisen nur sehr ungern. Deshalb haben wir uns die größte Utopie von allen gegeben: die Vorstellung, dass wir durch kleinere und wenig störende Eingriffe in die heutige Lebenswelt die Krise in den Griff bekommen können (ein bisschen E-Mobilität, ein bisschen Austerität, ein bisschen Grundeinkommen, ein bisschen GenEthik, ein bisschen von allem). Aber die Wahrheit ist aus meiner Sicht (wie in jeder Krise):

Die gefährlichste Utopie ist die, dass alles so bleiben kann, wie es ist

Wir müssen akzeptieren, dass wir auf die Herausforderungen der Gegenwart keine einfachen Lösungen finden werden; sogar, dass wir momentan noch keine Idee haben, wie diese Lösungen aussehen könnten. Das (und nur das) erlaubt freie Auseinandersetzung über den richtigen Weg und das Beschreiten von Wegen, Irrtum und die Eröffnung neuer Wege. Die „Lösung“ für das Klimaproblem wird in Wirklichkeit ein gesellschaftlicher „Um-Weg“ sein.

Diese Utopie erhöht die Gefahr reaktionärer politischer Kräfte

Kennen sie „Die Stadt der Sehenden“ von Jose Saramago? Wundervolles Buch. Es handelt vom Alptraum eines jeden Politikers, einer jeden Partei: Es ist Wahl, und keiner geht hin, schlimmer noch, die Wenigen, die kommen, geben unausgefüllte Stimmzettel ab. Und bei der Wahlwiederholung sind zwei Drittel aller Stimmzettel weiß. Doch statt die Motive der Wähler zu ergründen, verhängt man den Ausnahmezustand. Und bei Christopher Clark („Schlafwandler – Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog„) kann man nachlesen, wie sich die Utopie des Weiter-so in praktische Politik übersetzt, obwohl 100% der Beteiligten das Ergebnis nicht wollen.

Hinzu kommt ein weiteres Phänomen, dass ich an mir selbst beobachten konnte und das ich strukturell auch an vielen anderen sehe.

Wir sind durchaus gewillt, Technologie zu diskutieren, aber möchten unser Verhalten nicht ändern

Neulich war ich beim Arzt zum Checkup. Drei Stunden Tests und Untersuchungen, dann kam das Ergebnis: „Nehmen Sie 10 kg ab, dann lösen sich alle Ihre Wehwehchen auf einmal!“. Ich sage: „was soll ich (an Medikamenten) nehmen, damit ich das in den Griff bekomme?“. Der Arzt schaut kurz etwas ungläubig auf und sagt dann einen Satz, der mir die Augen geöffnet hat: „Einfach weniger essen?“. Kommt Ihnen das bekannt vor?

Unser öffentlicher Diskurs ist bestenfalls unehrlich und schlimmstenfalls idiotisch

Diese Aussage ist strukturell, deshalb vier Beispiele an dieser Stelle: Die Haltung der CDU zum Thema CO2-Steuer, die Reaktion darauf, dass der Vorsitzende der Jusos sich nicht für Property Rights interessiert, das Volksbegehren in Bayern zum Bienensterben und die Reaktion der FDP auf die Freitagsdemonstrationen gegen den Klimawandel.

Beginnen wir mit der FDP: deren Vorsitzender Christian Lindner sagt zu den Freitagsdemonstrationen gegen den Klimawandel in der Bild am Sonntag: „Von Kindern und Jugendlichen kann man nicht erwarten, dass sie bereits alle globalen Zusammenhänge, das technisch Sinnvolle und das ökonomisch Machbare sehen, …das ist eine Sache für Profis.“ Was kann er damit meinen? Entweder er kritisiert hier aus seiner Sicht falsche Lösungsansätze oder er möchte, dass die Politik ungestört weitermachen kann wie bisher. Was denken Sie?

Nicht ganz so leicht zu erkennen ist die Utopie des Weiter-so im Volksbegehren zum Bienensterben. Initiiert von einem Trägerkreis um die Grünen und ÖDP in Bayern möchte das Volksbegehren die Artenvielfalt (aufmerksamkeitswirksam an den vom Deutschen so geliebten Bienen festgemacht) in Bayern schützen und verbessern. Das Begehren wurde gegen den Willen der bayerischen Staatsregierung und der Bauernverbände von der Bevölkerung angenommen, ein Runder Tisch führt zu einem überraschenden Ergebnis: alle Beteiligten, auch die Staatsregierung und die Bauernverbände, sind jetzt dafür, das Volksbegehren wird höchstwahrscheinlich eins zu eins Gesetzeskraft erlangen… ein Musterbeispiel gelebter und effektiver Demokratie für einen guten Zweck? Ja und nein. Wenn man sich das Volksbegehren aber im Detail anschaut, dann stellt man fest, dass es a) sehr kurz ist und b) es keinen Bauern verpflichtet. Der zentrale Passus in den FAQ’s zum Volksbegehren ist: „Verpflichtet wird die Landesregierung, entsprechende Angebote an die Landwirte zu machen. Für die sind die Leistungen freiwillig, aber gut dotiert“. Wird klar, warum jetzt auch Bauernverband und Staatsregierung zustimmen?

Auch sehr schön die Reaktionen auf folgende Aussage des Juso-Vorsitzenden (sein Name tut hier wenig zur Sache, er wird vermutlich bald vergessen sein):

Ohne Kollektivierung ist eine Überwindung des Kapitalismus nicht denkbar… Mir ist weniger wichtig, ob am Ende auf dem Klingelschild von BMW ’staatlicher Automobilbetrieb‘ steht oder ‚genossenschaftlicher Automobilbetrieb‘ oder ob das Kollektiv entscheidet, dass es BMW in dieser Form nicht mehr braucht… Entscheidend ist, dass die Verteilung der Profite demokratisch kontrolliert wird. Das schließt aus, dass es einen kapitalistischen Eigentümer dieses Betriebs gibt.

Kevin Kühnert in “Die Zeit”

Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten, wir fassen nur kurz zusammen: „jugendliche Spinnerei“, „Sozialismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen“, „naiv“, usw. usw. Wir sind wahrscheinlich noch nicht tief genug in der Krise, denn hier macht jemand (mit dem ich eigentlich politisch nicht viel anfangen kann) einen Diskussionsvorschlag („andere Verteilung der Profite“) und wird mit der vollen Härte der Status-quo-Fraktion angegangen.

Selbst US-amerikanische Milliardäre und Wirtschaftswissenschaftler, sonst in strukturellen Änderungen ja nun eher passiv, sind hier bereits weiter als die deutsche Politik.

Jetzt mein Lieblingsbeispiel aus letzter Zeit: Die Vorsitzende der Partei, für die früher mal die „Bewahrung der Schöpfung“ höchstes Gut war. Da scheint sich etwas getan zu haben. Frau Kramp-Karrenbauer wurde im Deutschlandfunk zum Thema CO2-Steuer gefragt. Das Interview ist absolut lesenswert, weil an Engstirnigkeit nicht zu überbieten. Der Interviewer versucht es immer wieder, die Meinung der CDU-Chefin zum Thema „CO2-Steuer mit Rückvergütung an die Bürger“ zu erfragen, und der Höhepunkt der – natürlich abweisenden – Antworten war so herrlich, dass man ihn im Originaltext lesen muss:

„Zuerst einmal, um es ganz deutlich zu sagen: Wir werden keinen Klimaschutz haben und keine Klimaschutzziele erreichen können, ohne dass die Maßnahmen am Ende des Tages auch spürbar sind – sowohl in der Wirtschaft als auch bei dem Endverbraucher. Das gehört zur Wahrheit dazu und die haben wir immer sehr deutlich ausgesprochen. Das was wir erreichen müssen ist, dass wir ein gesamtes Instrumentarium bekommen, das auf der einen Seite in der Lenkungswirkung sehr zielgenau ist, die größte Wirkung erzielt, zum zweiten die wirtschaftliche Dynamik anreizt und nicht abwürgt, und zum dritten auch mit Blick auf die soziale Frage sicherstellt, dass nicht auf der einen Seite zum Beispiel Bezieher kleinerer Einkommen, also die, die zum Beispiel pendeln müssen, die mit wenig Einkommen ihre Wohnung, ihr Haus unterhalten, besonders belastet sind, aber nicht entsprechend an gleicher Stelle entlastet werden. Das sind die drei Parameter und da sagen wir, dass wir in der Diskussion – und wir beginnen die Diskussion ja erst – mehr Chancen sehen, diese Ziele zu erreichen, etwa durch Zertifikatehandel, etwa durch Emissionshandel, etwa durch die Frage, wie man auch steuerlich durchaus anreizen kann, als rein und alleine nur über die Frage, ob man an einer Stelle ganz gezielt Steuern erhöht“.

Annegret Kramp-Karrenbauer im DLF

Haben Sie den Eindruck, dass hier nach irgend etwas wie Lösungen gesucht wird?

Aber sind wir sicher, dass diese Unehrlichkeit nur auf der Ebene der Politik stattfindet? Oder ist die Politik ein Spiegelbild unseres Wohlstandsdenkens?

In Teil 3 unserer kleinen Serie zum Klimawandel werden wir untersuchen, was der Einzelne tun kann, um sich entlang seiner Überzeugungen zur Klimaproblematik entsprechend zu verhalten, ohne sich aus dem gesellschaftlichen Leben zu katapultieren.

Demnächst hier auf timberlove.

Further read:

(1) Dominik Herles: Zukunftsblind. Droemer eBook, 2018.

(2) Christopher Clark: Die Schlafwandler: Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog. Aus dem Englischen von Norbert JuraschitzDeutsche Verlags-Anstalt, München 2013.

(3) Jose Saramango: Die Stadt der Sehenden. Rowohlt Verlag, Reinbek 2006.

Editor‘s note:

Dieser Gastbeitrag stellt die persönliche Ansicht des Autors dar und entspricht nicht notwendigerweise der Meinung der timberlove-Redaktion. V.i.S.d.P: Dr. Marcel Pietsch

1 Comment

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.