Klimawandel 3: Die Freiheit der Wölfe ist der Tod der Lämmer

Elf Tonnen CO2e emittiert jeder Deutsche im Jahr*.

Mit dieser Information konnte ich sehr gut leben. Aber dann kam was dazwischen:

Ich habe meinen CO2-Footprint berechnet.

Ich war als adoleszentes Kind Unternehmensberater und dann einige Jahre im Beteiligungsgeschäft tätig. Kernpunkt der Tätigkeiten: man reist viel. Mein CO2-Footprint dürfte damals verheerend gewesen sein (dazu später mehr). Aber heute, na davon gehe ich auf jeden Fall aus, sollte sich das doch normalisiert haben.

Das Umweltbundesamt hat auf seiner Homepage einen persönlichen CO2-Rechner. Ein paar einfache Fragen und der Rechner gibt einem einen relativ genauen CO2-Footprint im Vergleich zum Durchschnitt in Deutschland. Bevor Sie weiterlesen – machen Sie es doch mal für sich selbst!

Meine Ausgangslage, als ich mich den Fragen widme:

  • Haustyp super saniert, Wohnfläche moderat, Heizungstyp (Erdgas), dann der Stromverbrauch (die üblichen Waschmaschine, Laptop, kein Fernseher, moderne Umwälzpumpe: ich schätze, ich gehöre zur CO2-Sparelite…
  • Dann kommt Mobilität: einen Tiguan, also nix ganz Großes, 30.000 Kilometer im Jahr. Und meine Flugreisen sind fast alle beruflich, und die kompensieren wir ja „von Amts wegen“… ok, wird nicht toll, aber ich kenne viele Schlimmere
  • Ernährung: Ernährung???. Wiege ein bisschen zuviel, aber ernähre mich überwiegend mediterran-gesund-regional. Überall, wo es passt esse ich Bio und mache viel Sport. Hier dürfte wohl mein BMI das größere Problem werden...
  • Sonstiger Konsum: durchschnittliches Kaufverhalten (wer klickt denn hier Kaufsucht an?), kaufe allerdings fast nie gebrauchte Gegenstände. Paar Hotelübernachtungen, aber viel weniger als früher… bin gespannt!

Es ist schlimm

Meine aktuellen Emissionen

Bei allen Defekten, die man modernen Industriegesellschaften zuschreiben kann, haben sich in ihnen doch Wohlstand, Gerechtigkeit und Freiheit in einem Maße entwickelt, wie man es aus der Vergangenheit und aus anderen Regimen nicht kennt.

Raymond Aron

Aber ich kompensiere doch meine Flugreisen… inkludiert man das, ergibt sich folgendes Bild:

Ein Teil davon wird kompensiert

Über 20 Tonnen CO2e, rund das Doppelte des Durchschnittsbürgers. Und ungefähr das Dreifache eines durchschnittlichen Chinesen (ja, die sollten echt mit dem Klimaschutz anfangen, bei uns bringt das doch nichts).

Ich fasse meine Lage mal kurz zusammen: ich interessiere mich für Klimaschutz, unterstütze die Fridays for Future, bin einigermaßen gebildet, versuche ein moderates Leben zu führen, habe meine Konsumterrorphasen lange hinter mir, ernähre mich bewusst und treibe Sport und mache Carsharing. Und im Ergebnis emittiere ich viermal soviel CO2 wie der Durchschnittsbürger, von denen ich rund die Hälfte kompensiere. Das UNO-Ziel liegt bei einer Tonne pro Bürger, d.h. ich bin netto davon nur noch 95% entfernt

Es geht noch schlimmer

Jetzt muss ich erstmal durchatmen und brauche eine positive Nachricht. Ich berechne mal meinen CO2-Footprint, als ich noch Unternehmensberater war, richtig viel geflogen bin und null kompensiert habe… mal sehen…

Also, damals Altbau, alte Geräte im Haushalt, viele Flüge, keine Kompensation (ich kenne heute noch genügend Leute, die genau so leben). Mein Verbrauch damals: über 100 Tonnen!

… als ich noch Berater war…

Was mache ich jetzt?

Während ich so an meinem persönlichen CO2-Footprint rumdenke, habe ich ein paar praktische Entschlüsse gefasst:

  • Ich werde innerdeutsch nicht mehr fliegen. Zu unserer asiatischen Tochtergesellschaft nur noch einmal im Jahr (ich hoffe, das klappt)
  • Mein nächstes Auto wird ein Elektroauto (über diese Odyssee berichte ich separat, ist ein Thema für sich)
  • Rund 10.000 km kann ich statt im (Elektro-)Auto auch mit der Bahn zurücklegen
  • Ich stelle meine Ernährung um auf 1X Fleisch pro Woche (das sollte mir nicht so schwer fallen)
  • Ich nehme 10 kg ab
  • hmmm, jetzt wird es schon eng. Meinen Laptop brauche ich, und seit ein paar Jahren fahre ich in München meist öffentlich… was kann ich noch tun…?

… ok, das reicht wahrscheinlich noch immer nicht. Aber was, wenn ich die Politik in allen Belangen (die Details gibt’s im Szenario-Rechner des UBA!) des Klimaschutzes unterstützen werde? Wird es dann reichen?

Beispiel der Fragen zur zukünftigen Klimapolitik

Ich gebe mein neues Szenario in den CO2-Rechner ein und…

Mein Szenario „einschneidende Umstellung der Lebensweise“

… bin nur noch 60% vom UNO-Ziel entfernt. Eine für mich einschneidende Änderung meines Verhaltens bringt viel, hilft aber viel weniger als erwartet!

The hard truth is that the answer to the question ‘What can I, as an individual, do to stop climate change?’ is:

nothing.

Naomi Klein

Das Ergebnis meiner Überlegungen (von Taten will ich da noch nicht sprechen) ist: Wenn ich alles hinbekomme, was ich mir vornehme, dann erreichen wir ungefähr die Hälfte des Notwendigen. Wie soll das denn auf gesellschaftlicher Ebene funktionieren?

Szenario 2050

Mein Beitrag zum Klimaschutz erreicht 50% der Zielvorgabe, wenn ich mein Leben völlig umkrempele und meine Marschroute 100% durchhalte. Wie soll eigentlich die Gesellschaft die Klimaschutzziele erreichen, wenn es auf individueller Basis schon so schwierig ist? Die Antwort ist eine Transformation der Wirtschaft Dimensionen, die weit über den privaten Konsum hinausgeht. Dazu ein kurzes Szenario über die Welt 2050:

Wichtigster Bestandteil wird vermutlich die Technologie sein. CO2-Extraktion ist hier wahrscheinlich der heißeste Kandidat, aber es ist ein langer und vor allem kostenintensiver Weg. Da die Ergebnisse der Forschung frei verfügbar und vor allem auch überall eingesetzt werden müssen, wird die Entwicklung der Anti-CO2-Technologien eine Staatsaufgabe sein, also mit Steuermitteln und Schulden finanziert. Aber da so ziemlich alle Grundlagentechnologien des 20. und 21. Jahrhunderts ursprünglich von der öffentlichen Hand finanziert wurden, sollte dies keine größere Hürde darstellen.

Wir werden nur noch in energetisch sanierten und optimierten Häusern leben. Da sich ein Großteil der Bevölkerung die Sanierung nicht leisten kann (oder den Wohnraum nach der Sanierung), werden Steuererhöhungen und Umverteilungen von Reich zu Arm unabdingbar werden.

Energie wird nur noch aus erneuerbaren Quellen gewonnen. Der Aufbau der Infrastruktur und der Steuerungstechnik wird ebenfalls eine Staatsaufgabe werden, da sonst nicht schnell genug die notwendigen Kapazitäten geschaffen werden können. Atomenergie wird wiederkommen. Gegen den Willen der Industrie, die die entsprechenden Kompetenzen schon lange abgebaut hat, aber Atomenergie ist ein Grundlastlieferant – anders als früher wird aber immer der gleiche Typ Kernkraftwerk gebaut und entwickelt werden, weil das technisch einfacher und leichter beherrschbar ist.

Die Mobilität im Klimaschutz wird nicht wiederzukennen sein. Autofreie Innenstädte sind dann schon lange Realität. Berufspendeln wird es in der bisherigen Form nicht mehr geben, das wird höchstens noch mit Elektrobussen abgewickelt werden können. Individualmobilität wird möglich sein, aber zum Luxusgut. E-Carsharing wird möglich sein, aber auf dem Land wahrscheinlich weniger verbreitet sein können.

Fliegen in Deutschland ist vorbei. International wird es prohibitiv teuer, damit sich die Zahl der Flüge um 90% reduzieren kann. Da es aber genügend wohlhabende und reiche Menschen Geist, die sich ein zehnmal teureren Flug leisten können, werden Flugverbote auch zur Tagesordnung gehören.

Naomi Klein schreibt in ihrem neuen Buch On Fire: The Burning case for a Green New Deal, dass diese Transformation nicht ohne die akute Gefahr politischer Destabilisierung zu haben sein wird. Ich kann ihr nicht folgen, wenn sie schreibt, dass wir mit Figuren wir Trump und Johnson auf eine Zeit des neuen „Klimabarbarismus“ zustreben. Aber ich frage mich, wie dieser politische Wandel gesellschaftlich durchgesetzt werden soll.

Die Freiheit der Wölfe ist der Tod der Lämmer

Es gibt in der Geschichte der Menschheit viele Beispiele, wie so ein Vorhaben schief gehen kann. In der Französischen Revolution rieb man sich verwundert die Augen, dass Liberté zu großer Ungleichheit führte und Egalité nur durch politischen Zwang zu erreichen war. Gar nicht davon zu sprechen, dass Fraternité im Allgemeinen nur kurz, in kleinen Gruppen und in großer Not zu haben ist. Es ist eher eine Erkenntnis der politischen Theorie des 19. Jahrhunderts, dass viele politische Wunsch-Zielvorstellungen sich gegenseitig ausschließen. Und viele Bücher sind darüber geschrieben worden, dass eine zentralistische Entscheidung über die für eine Gesellschaft maßgeblichen Ziele auf direktem Wege in die Diktatur führt.

Machiavelli oder Popper?

Wie lässt sich eine stark veränderte Gesellschaftsordnung in kurzer Zeit umsetzen, ohne die Gesellschaft auseinanderzureißen. Glaubt man Machiavelli, dann ist eine solche bessere Gesellschaft (für ihn ist eine solche Gesellschaft vor allem stabil, harmonisch, sicher, gerecht und ein bisschen angeberisch mit ihren Erfolgen) nur durch starke Führungspersonen erreichen, die mit moralischer Führungsstärke, Kraft, Disziplin und Bürgersinn überzeugen. Und leider auch über durch ruchlose Methoden, Grausamkeit und Gewalt, wenn nötig zur Erreichung des größeren Zieles***. Dieser Art der gesellschaftlichen Veränderung kommt in der Gegenwart wahrscheinlich China am Nächsten. Zentral verordnete Umweltpolitik, soziale Kontrolle der Bevölkerung (z.B. durch das 2019 eingeführte Sozialkreditsystem oder die aktuell beta-getestete NeuroCap-Gehirnüberwachung für Fabrikarbeiter) sowie die Unterdrückung von abweichender politischer Meinung charakterisieren dieses System, das ethisch inakzeptabel erscheint, aber in der faktischen Umsetzung durchaus erfolgreich ist.

Oder doch durch demokratische Grundprinzipien. Der britische Philosoph Sir Karl Popper postuliert in seinem Buch Open Societiy and it’s Enemies die besondere Form, die Strukturwandel besitzen muss, wenn die Gesellschaft ihre Offenheit und demokratische Ausrichtung nicht verlieren will. Da große soziale Ideen, Utopien und Revolutionen sich auch wie Theorien irgendwann als falsch erweisen werden (Kritischer Rationalismus), kann ihre gewaltsame Durchsetzung das damit verbundene menschliche Leid nie rechtfertigen. Nach Popper ist es besser, „Theorien statt Menschen sterben zu lassen“. Die richtige Form der sozialen Veränderungen seien ihm zufolge Diskussionen, Ringen um Kompromisse und Oberzeugungsarbeit – eine Technik, die Popper als piecemeal engineering (sinngemäß „schrittweise Veränderung“) bezeichnet. Trial and error, laufende Korrekturen geringfügiger Fehlentwicklungen sind besser als großangelegte Rettungsmaßnahmen zur Beseitigung erheblicher katastrophaler Zustände.

Klimaschutz erfordert in der Diktatur den Willen, das Leben für die Untertanen zur Hölle zu machen. Und in der Demokratie die Bereitschaft der Mehrheit, dies freiwillig zu tun. Die Frage ist, ob uns dafür die Zeit bleibt.

Ich denke, dass es einen Weg gibt, in einem freiheitlichen Umfeld große Veränderungen demokratisch umzusetzen und dieser Weg heißt Verantwortung. Für meine Taten im Privaten und für die Gesellschaft durch politische Willensbildung. Wenn die Bürger die Politiker inspirieren, drängen und zwingen, Veränderungen vorzunehmen, dann wird die Politik folgen. Bayerns neuerdings oberster Klimaschützer ist ein Politiker, der früher nicht durch Konsequenz in der Umweltpolitik aufgefallen ist. Die Opportunität von Politik ist eine Chance für die Gesellschaft. Deshalb habe ich mich dafür entschieden, bei jeder Wahl, Abstimmung oder Meinungsildung konsequenten Klimaschutz zu fordern. Es gibt keinen Zweifel, dass unser Wirtschaftsmodell sich grundlegend verändern wird – da möchte ich lieber mitbestimmen. Bürger zu sein ist der dritte Weg zwischen Wolf und Lamm.


Notes:

Im Frühjahr haben wir Teil 2 unserer kleinen geplanten Trilogie zum Klimawandel („Warum wir in Deutschland keine vernünftige Umweltbewegung haben„) veröffentlicht. Teil 3 sollte sich eigentlich mit konkreten Handlungen beschäftigen, mit denen jeder Einzelne etwas gegen den Klimawandel tun kann. Aber dann kam ein Artikel aus der SZ vom 22. August 2019 dazwischen („Flugscham für Kampfflieger“).

*) Das ist natürlich Unsinn. Jeder Deutsche emittiert eine unterschiedliche Menge an CO2 im Jahr, aber im Durchschnitt sind es eben 11,6 Tonnen. Aber das liest sich umständlich, daher kommt es hier in die Fußnote. Und die Messung bezieht sich nicht nur auf CO2, sondern auf alle Treibhausgase, umgerechnet in die Treibhauswirkung von CO2-Äquivalenten (englisch abgekürzt mit CO2e)

**) Wer sich für meine Berechnung interessiert, gibt’s hier.

***) siehe auch Isaiah Berlin: Against the Current. Princeton University Press, 1955. Seite 53ff.

Über den Autor:

Dr. Marcel Pietsch ist studierter Volkswirt und Philosoph. Er führt ein Familienunternehmen, das sich mit der Herstellung und dem Lebenszyklus nachhaltiger Produkte beschäftigt.