Lasst das Mädchen in Ruhe!

Greta T. ist eine sechzehnjährige Schülerin aus Schweden. Mit fünfzehn beschloss sie, Freitags nicht mehr zur Schule zu gehen und stattdessen vor dem Parlament in Stockholm dagegen zu protestieren, dass die Politik keine ernsthaften Maßnahmen gegen den Klimawandel unternehme. Das hat gewirkt.

Greta T gewann im Mai 2018 einen Schreibwettbewerb einer renommierten schwedischen Zeitung mit einem Beitrag zur Umweltpolitik. Am 20. August 2018 protestierte sie zum ersten Mal vor dem Reichstag in Stockholm. „Skolstrejk för Klimatet“ steht auf ihrem Schild. Danach gehr es rasend schnell. Ihre Rede auf der Klimakonferenz in Polen, nach Davos mit dem Zug, Rede vor dem EU-Parlament u.v.m. – und seit letztem Jahr gehen in mehreren Ländern Zigtausende Schüler jeden Freitag auf die Straße, um für eine bessere Klimapolitik zu demonstrieren.

Nach anfänglicher herablassender Ablehnung (sehr gerne hier nochmal an Christian „Klimaexperte“ Lindner von der FDP erinnert), kann man zumindest in Deutschland sagen: die Politik hat angefangen, das Mädchen aber auch vor allem die durch sie motivierte „Fridays for Future“-Bewegung ernst zu nehmen. Gestern ist das Mädchen mit dem Segelboot in Richtung USA aufgebrochen, um u.a. am UN-Klimagipfel und später der Weltklimakonferenz teilzunehmen.

Diese Reise wird mit besonderer Kritik begleitet:

  • Das Segelboot sei nicht CO2-neutral
  • Die Reise sei nicht CO2-neutral, weil eine Crew in die USA fliegen müsse, um das Schiff zurückzubringen
  • Das alles sei ohnehin nur eine PR-Inszenierung (gerne wird an dieser Stelle dann auch auf den schwedischen PR-Unternehmer Ingmar Rentzhog verwiesen)

Sollte Greta T’s Popularität weiterhin auf einem derartigen Niveau bleiben wie bisher, ist die weitere „kritische“ Berichterstattung absehbar. Zu erwarten sind Schlagzeilen wie:

  • Greta trägt T-Shirts aus Bangladesh (alternativ: Zahnbürste aus Walfischknochen, Eierbecher aus Elfenbein)
  • Schock-Photos: hat sich Greta hier zum Führerschein angemeldet?
  • Gretas Mutter am Checkin-Schalter: heimlicher Flug in die Karibik?

Ein Mädchen löst eine globale Schülerbewegung aus, die auch noch einigermaßen erfolgreich ist und wird dann an Maßstäben gemessen, die keiner der selbsternannten Ankläger an sich selbst anlegen würde? Was passiert da?

Der typische Ablauf von Paradigmenwechseln

Es ist bekannt, dass politische, wissenschaftliche und gesellschaftliche Änderungen der anerkannten Grundannahmen (sog. Paradigmenwechsel) nach einem Schema ablaufen:

Stufe 1 Leugnen: Evolution, Kosmogenese, etc. existieren nicht. Sie widersprechen der überkommenen Erkenntnis (auch: der Bibel). Anderslautende Wissenschaft ist falsch/Minderheitenmeinung/ PR.

Stufe 2 Relativieren: Ja, es kann schon sein, dass Evolution / Kosmogenese / Klimawandel existieren, aber der Schöpfungsakt liegt vor dem Urknall / der Mensch hat nichts damit zu tun

Stufe 3 Trivialisieren: Ja klar, aber das haben wir schon immer gewusst.

Bei der von Greta T angestoßenen Diskussion liegen wir in Europa irgendwo zwischen Stufe 2 und 3. Vor einem Jahr hat die EU unter dem spöttischen Kommentar ein Verbot von Plastik-Strohhalmen auf den Weg gebracht. Heute gilt das zumindest in diesem Teil der Welt als selbstverständlich. Oder denken Sie an Pfandflaschen (es gab damals einen „Apokalypse-Minister“ namens Jürgen Trittin). Ähnlich scheint der gesellschaftliche Diskurs mit Themen wie Fliegen, Häuserdämmung und Umverpackungen zu laufen. Ich habe keine Sorge, dass die Gesellschaft in Europa die Dringlichkeit des Themas Klimawandel nicht erkennt. In anderen Teilen der Welt ist man noch nicht soweit.

Aber dafür zünden die Gegner entschlossener Klimapolitik eine weitere Rakete, die für ein 16jähriges Mädchen durchaus gefährlich werden kann:

Narzisstische Projektion

Dieser Mechanismus ist wirksam und hinterhältig zugleich und funktioniert etwa so: wenn jemand sich weitsichtig verhält und in einer allgemein anerkannten Sache eine Vorbildrolle übernimmt, dann wird die Messlatte an diese Person so hoch und unerreichbar geschraubt, bis sie scheitern muss. Der Zweck dieser Technik ist es, das eigene (an den Maßstäben des Vorbilds gescheiterte) Persönlichkeitsbild stabil zu halten. Die Ursache liegt also im Sender, nicht im Objekt.

Für Greta T lässt das nichts Gutes erwarten. Je näher die Gesellschaft der Stufe 3 kommt, desto heftiger werden die Ansprüche werden. Sie werden sehen.

Aber auch wenn diese Phase 2 ohne größere Probleme überwunden werden kann, ist die Sache noch nicht vorbei. Dann kommt die letzte Stufe der gesellschaftlichen Trivialisierung.

Vereinnahmung

Das ist die größte Bitch. Man wird Greta anbieten, Beirat in diesem Unternehmen oder Mitglied jenes Expertenpanels zu werden, und ihre Botschaft auf diese Weise zu verwässern. Sie hat im Beirat von Ingmar Rentzhog bereits eine erste besorgniserregende Erfahrung gemacht. Hoffentlich kann sie weiterer Vereinnahmung widerstehen.

Wie endet die Geschichte?

Das hängt meiner Meinung nach von nicht von ihr, sondern von uns ab. Wenn wir Greta T nicht als das begreifen, was sie ist. Wie sie selbst sagte: „Ich sage nichts Neues, ich will nur, dass wir nach unseren Erkenntnissen handeln“. Mehr gibt es nicht zu sagen. Wenn wir wollen, dass Greta uns die Rettung bringt, dann sind wir und sie verloren. Das kann sie nicht und daran wird sie scheitern. Wenn wir sie aber als ein bewundernswertes Mädchen begreifen, das in ihrer Konsequenz ein Vorbild für viele ihrer Generation ist, dann hat sie gewonnen. Wenn die EU zum Vorreiter beim Klimawandel wird, weil eine Greta T den Unmut und die Wünsche einer neuen Generation formuliert, dann ist alles erreicht. Und das würde ich ihr gönnen. Mut gehört belohnt.

Lassen wir sie in Ruhe, solange die Wirklichkeit noch keine Macht über sie hat.

Notes:

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