Plastik, Pappe oder Weissblech? Am liebsten eine faktenbasierte Entscheidung.

Am besten wäre keine Verpackung, das ist klar. Aber oft sind Verpackungen technisch unvermeidlich und dann stellt sich die Frage: welche Verpackung ist am besten für die Umwelt?

Um gute Entscheidungen treffen zu können, benötigt man solide Daten. Viele verfügbare Daten zum Thema Verpackungen sind jedoch derart mit Problemen belastet, dass wir schlussendlich unsere eigene Untersuchung dazu angestellt haben.

Dieser Artikel ist ein aktuelles Update einer früheren Version, in der wir die Methodik beschreiben, wie wir Verpackungen analysieren, bewerten und die (hoffentlich richtigen) Entscheidungen treffen.

Die Bewertungskriterien

Wir haben zunächst einen Kriterienkatalog aufgestellt, welche Aspekte einer Verpackung wichtig sind:

  1. Die sichere Aufbewahrung und der Transport der Waren:
    das ist bei uns zum Beispiel meist relativ einfach zu beantworten. Wenn wir flüssige Medien verpacken, ist die Dichtigkeit der konkreten Verpackung natürlich wichtig, aber darüber hinaus ist das nicht primär abhängig vom Material.
  2. Die Sicherheit des Gebrauches und die Gesundheit der Menschen:
    hier sind in den meisten Fällen bei uns alle Materialien zumindest grundsätzlich möglich. Bei Reinigern sind jedoch in manchen Fällen kindersichere Verschlüsse gesetzlich vorgeschrieben und sinnvoll, so dass hier in einigen Fällen nur Kunststoff in Frage kommt.
  3. Die Klimawirkung der eingesetzten Materialien (insbesondere die Emission von Treibhausgasen):
    darauf liegt – wenn keine Bedenken hinsichtlich der Sicherheit bestehen – unser Hauptaugenmerk. Hier liegen auch die meisten Fallstricke verborgen und Informationen sind am schwierigsten. zu bekommen. Wir berichten weiter unten darüber.
  4. Sonstige Auswirkungen auf die Natur (z.B. Wasser, Luft und Boden):
    wird gerne vergessen, ist aber wichtig. Als Stichwort seien Mikroplastik in den Weltmeeren oder Fragen der biologischen Abbaubarkeit erwähnt. Auch dazu später mehr.

Wie wir die Kriterien gewichten

Für uns am Naheliegendsten ist natürlich die Klimawirkung, meist gemessen in CO2-Äquivalenten (sogenannte „CO2e“), die die Emission von Treibhausgasen pro kg der eingesetzten Verpackung misst. Je geringer der CO2-Footprint, desto besser. Ein Vorteil dieses Kriteriums ist auch, dass sie sich sehr gut quantifizieren und vergleichen lässt. 100g CO2 pro kg Verpackungsmaterial sind einfach 5 mal besser als 500g. Relativ einfach, wenn man das Problem der Datenbeschaffung gelöst hat.

Dazu allerdings ein paar Anmerkungen: erstens hat die Sicherheit für den Menschen oberste Priorität. Kinder dürfen nicht an den Inhalt einer Verpackung gelangen und da kann es auch keine Kompromisse geben. Zweitens gibt es natürlich neben der Klimawirkung auch noch andere mögliche Umweltrisiken (z.B. Mikroplastik). Diese haben aber den Nachteil, dass sie nicht so gut quantifiziert und gegen die anderen Bewertungskriterien abgewogen werden können – man muss hier eine qualitative Bewertung vornehmen.

Wir haben daher für uns folgenden Entscheidungsbaum für Verpackungsentscheidungen aufgestellt.

Abb: Entscheidungsbaum für Verpackungsentscheidungen

Informationsquellen

An dieser Stelle müssen wir über die Datenlage sprechen. Informationen zu den Kriterien 1 und 2 sind relativ einfach. Falltests und Dichtigkeitsprüfungen machen wir selber und besitzen einen großen Erfahrungsschatz, welche Materialen welche Eigenschaften besitzen. Die rechtlichen Rahmenbedingungen ergeben sich aus dem Gesetz und eine Portion gesunden Menschenverstandes („Reiniger brauchen KiSi-Verschlüsse“) hilft auch. Diese beiden Kriterien sind wichtig und die Generierung von Daten zur Bewertung ist einfach.

Ganz anders sieht es mit Daten zur Klimawirkung (und teilweise auch zu anderen Umweltrisiken) aus. Diese Daten sind mit einfachem Googeln in großer Fülle zu erhalten, aber sie sind meistens falsch oder haben einen offensichtlichen Bias.

Nicht alle Quellen tun einem den Gefallen wie procarton.com, deren Vergleichsrechner CO2-Impact von Papierverpackungen gegenüber Kunststoff genauso ausgeht, wie der Name es erwarten lässt. Auch der VDMA (Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau) hat an prominenter Stelle zahlreiche Studien veröffentlicht, die allerdings genau zum gegenteiligen Ergebnis kommen, was angesichts des Anteils an Kunststoffspritzguss-Maschinenbauern in Deutschland auch nicht wirklich verwundert. Hat man sich durch die verschiedenen – mehr oder minder gut getarnten – Interessengruppen gearbeitet, kann man zum Beispiel beim durchaus renommierten IFEU-Institut in Heidelberg umfassendes Datenmaterial zum Footprint verschiedener Verpackungstypen bekommen (z.B. hier). Das IFEU-Institut legt die Sponsoren ihrer Studien offen, was ein gutes Zeichen ist. Aber man muss auch solche Studien mit Vorsicht lesen, denn in der verlinkten Studie zum Beispiel, die von TetraPak bezahlt wurde, ist im Vergleich verschiedener Getränkeverpackungen TetraPak auch der klare Gewinner, was zwar die Rohdaten der Studie nicht zwingend entwertet, aber zumindest hinsichtlich der Interpretation nachdenklich macht.

Langer Rede, kurzer Sinn: die Ermittlung von Klimafootprints ist keine einfache Sache, die Bewertung hängt von der Gewichtung der betrachteten Einzelfaktoren ab und welche Szenarien miteinander verglichen werden. Und es macht einen großen Unterschied, ob ich Kunsstoff und Papier für Einkaufstüten vergleiche oder für den Einsatz in unseren Verpackungen (insbesondere Farbdosen, Umkartons, Pflegesets, etc.), die einen ganz anderen Lebenszyklus haben als Verpackungen, die mehrfach verwendet werden können.

Für uns gab es daher nur eine Möglichkeit: wir müssen uns die Rohdaten selber suchen und dann ein eigenes, für uns passendes, Bewertungsschema aufbauen.

Gute und verlässliche Rohdaten liefert zum Beispiel das Umweltbundesamt (insbesondere zu Recyclingquoten), die Danish Environmental Protection Agency (insbesondere in dieser besonders detaillierten Studie aus 2018) und das IFEU (wenn man die Rohdaten aus z.B. dieser Studie verwendet).

Datenbewertung

Die bei uns eingesetzten Verpackungen haben einen einfachen Lebenszyklus: Herstellung –> Transport zu uns –> „Befüllung“ –> Transport zum Kunden –> Entsorgung oder Recycling. Das bedeutet, dass für unseren Footprint auch ein anderes Set an Daten relevant is als z.B. bei Einkaufstüten oder Mehrwegflaschen.

Da es für unseren linearen Verpackungslebenszklus keine Metastudien gibt, ermitteln wir die Daten selbst und gewichten sie miteinander. Das Ergebnis ist unser Klimawirkungs-Index, den wir „PNZ-Index“ nennen, weil wir ihn für uns maßgeschneidert haben und er nicht mit anderen verfügbaren Indizes verwechselt werden darf.

Dieser PNZ-Index* basiert auf:

  1. Dem CO2-Footprint in der Produktion der Verpackung: abhängig von der eingesetzten Energie pro kg Verpackung. Je geringer der CO2-Footprint pro kg, desto besser.
  2. Das Recycling: hier unterscheidet man die „stoffliche Wiederverwertung“ (gewünscht) von der „energetischen Verwendung„ (=Verbrennung, unerwünscht), da bei Letzterer wieder CO2 freigesetzt wird. Je höher der Recyclinganteil in der stofflichen Wiederverwertungerwertung, desto geringer der Footprint

Für den CO2-Footprint in Produktion und Lifecycle haben wir folgende Mittelwerte ermittelt:

Den reinen CO2-Footprint über den Lebenszyklus gewichten wir über die Recyclingquote. Da wir weniger an den absoluten Zahlen interessiert sind als an der Reihenfolge der Verpackungsmaterialien untereinander, genügt eine einfache Gewichtung „je höher die stoffliche Recyclingquote, desto besser“.

Dies führt dann zum PNZ-Index, den wir wie folgt berechnen:

Berechnungsformel

Anhand dieses Index können wir die bei uns eingesetzten Verpackungsarten miteinander vergleichen. Dabei zeigt sich, dass beim CO2-Footprint pro kg Verpackungsmaterial Papier die niedrigsten Emissionen besitzt vor Weißblech und Kunststoff.

Vergleich der Verpackungsmaterialien mit unserem PNZ-Index

Praktische Beispiele

Drei Beispiele, die den Ablauf verdeutlichen.

Unsere Farbgebinde

Wir hatten schon an anderer Stelle darüber geschrieben und hier sind noch die Rohdaten dazu. Wir verpacken die meisten unserer Farben und anderen Produkte in Weißblechgebinden. Die mit mit über 90% enorm hohen Recyclingquoten von Weißblech (auch geschuldet dem Umstand, dass man metallische Gegenstände sehr gut aus dem Abfall sortieren kann) drücken den gewichteten CO2-Impact auf ca. 600g pro Gebinde und damit unter alle Alternativen. Und Weißblech besitzt noch einen weiteren Vorteil, den man nicht unterschätzen darf: es ist ein Permanent-Material, das 1:1 ohne Zugabe von Chemikalien wieder recycled werden kann (im Gegensatz zu Kartonagen zum Beispiel).

Reiniger

Bei Reinigern fällt die Entscheidung nach einem anderen Kriterium. Kindersicherheit ist hier das entscheidende Kriterium und da fallen alle Alternativen schon aus dem Rennen, bevor die Klimawirkung überhaupt relevant wird.

Eine Bemerkung noch dazu, es gibt ein „Plastik-Paradox“: Kunststoffe aus biologischen Rohstoffen (z.B. Mais) sind nicht biologisch abbaubar und die kompostierbaren Kunststoffe sind zum großen Teil fossilen Ursprungs. Dazu kommen die Mikroplastik-Thematik, die zu langsame Abbaubarkeit in unseren Kompostieranlagen usw. usw.

Sind biobasierte Kunststoffe nachhaltiger als konventionelle Kunststoffe?

Das Umweltbundesamt schreibt dazu hier: „Eher nein. Aus vergleichenden Ökobilanzen einfacher Gegenstände und Verpackungen wissen wir, dass sich die Umweltauswirkungen nicht wesentlich verbessern, wenn die Rohstoffe biobasiert sind statt fossilbasiert. Die Auswirkungen verschieben sich eher: Während konventionelle fossilbasierte Kunststoffe mehr klimawirksames CO2 freisetzen, äußert sich der ökologische Fußabdruck biobasierter Kunststoffe in einem höheren Versauerungs- und Eutrophierungspotential sowie einem gewissen Flächenbedarf. Grund ist die landwirtschaftliche Produktion der Rohstoffe. Es kann zu Konkurrenz um Flächen mit der Lebensmittelproduktion kommen oder Ausgleichs- und Waldflächen können weniger werden.“

Es gibt keine gute Lösung. Wir haben für uns definiert, dass wir Kunststoffe so selten wie möglich einsetzen und wenn, dann zumindest sortenreine (z.B. PE), die dann – wenn sie überhaupt dem Recycling zugeführt werden – wenigstens gut wiederverwertet werden können.

Pflegesets

Wir bieten unseren Kunden Pflegesets an, in denen alle „Zutaten“ für ein Projekt enthalten sind (Reiniger, Farbe, Pinsel, Handschuhe, etc.).

Wir hatten uns ursprünglich für Kunststoff-Behälter entschieden, damit Kunden sehen können, was in der Pflegebox drin ist. Und man kann so eine Box ja noch für andere Zwecke weiterverwenden. Dann haben wir 5.000 Kisten gekauft und nicht weiter darüber nachgedacht.

Aber jetzt gehen die Boxen zur Neige und stellen fest, dass wir uns damals die Entscheidung damals zu einfach gemacht haben. Wir haben ein paar Kunden befragt, was sie mit der Box nach dem Gebrauch gemacht haben und die einhellige Antwort war: im Keller gelagert und dann weggeworfen. Und natürlich könnte man auch auf einem Etikett darstellen, was in so einer Box drin ist. Die Argumente von damals waren einfach zu kurz gedacht. Also nochmal gedacht:

Also gibt es ab dem nächsten Jahr unsere Pflegeboxen aus Pappe mit 90% Recyclinganteil, was den Footprint sogar noch unter 200g pro Karton drücken wird.

Die wichtigsten Erkenntnisse in Kürze

  1. Viele Statistiken zum CO2-Footprint stehen auf einer guten Datenbasis, deren Interpretation jedoch zu häufig zu interessengeleitet scheint. Besonders wichtig sind da unabhängige Informationsquellen wie das UBA oder die Dänische EPA.
  2. Bio-Kunststoffe halten nicht, was sie versprechen.
  3. Glas ist besser als sein Ruf.
  4. Weißblech für Flüssigkeiten und sonst Pappe für Verpackungen – das scheint im Moment der nachhaltigste Weg zu sein.

Notes:

*) Die Transportwege sind uns natürlich gut bekannt, da wir wissen, was wir wo wir produzieren lassen und wohin wir es verkaufen. Wir kompensieren diesen Teil des Verpackungsfootprints jedoch als Basis-Footprint über die Upstream und Downstream Kompensation in Scope 3, und berücksichtigen die Logistik daher nicht im PNZ-Index.

Die Recyclingquoten (insbesondere „werkstoffliche Verwertung“) aus UBA, 2016.

UBA, 2016

Studie der Danish EPA zum Footprint verschiedener Verpackungsarten

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