Dieser Text ist während eines Vortragsmarathons auf dem Impact Festival 2025 entstanden. Jedwede Ähnlichkeiten zu lebenden Personen wären rein zufällig, weil gelebt hat da keiner.
Nachhaltigkeit kann einem leid tun. Der Staat macht aus ihr eine Übung in angewandter Bürokratie, sogenannte Konsument:innen betrachten sie als jederzeit verzichtbare Convenience und die Politik macht aus ihr das gleiche wie Vladimir Putin aus den Menschenrechten, eine alberne rhetorische Figur. Wie können wir aus einem Wachstumsmarkt einen Wachstumsmotor für Deutschland erzeugen, fragt die Deutsche Bundesbank auf einem Nachhaltigkeitskongress. Da möchte man Sabine für die Einsicht danken, dass wir nicht im luftleeren Raum agieren und mit Bearing Point eine regulierungssichere Kommunikationsstrategie entwickeln. Tut beides ungefähr gleich viel für eine bessere Welt, nämlich nichts. Auf dieser Flughöhe fehlen nur noch Gamification und ein spielerischer Zugang zu sauberer Luft und guter Wasserversorgung. Man hört schon von weitem den Dank glücklicher afrikanischer Kinder für diesen Impuls.
Prof. Dr. Mojib Latif benötigt drei Graphiken, um das Ausmaß des Klimawandels zu beschreiben, und die EU ermächtigt lieber ihre Konsument:innen zu der Einsicht, dass Adidas seine Plastikturnschuhe aus Bangladesch gar nicht verantwortungsvoll herstellt – außer natürlich der TÜV Süd zertifiziert das ähnlich zuverlässig wie Bergbau-Dämme in Südamerika. Regulierungssichere Kommunikation eben.
Warum darf eigentlich Adidas in Zukunft nicht mehr über die Klimafreundlichkeit seiner Schuhe lügen, ich finde diese Frage tatsächlich interessant. Gestern habe ich ja auch Prosta Gutt Forte genommen, musste aber genauso oft wie immer. Und mein Axe Moschus hat auch keine Sau – Verzeihung: Frau – interessiert. Und niemand kam auf die Idee, von der Werbung suggerierte sexuelle Attraktivität müsste unter Androhung von Strafe beweisbar von DAkkS-akkreditierten Zertifizierern bestätigt werden.
Ich vermute, die Antwort findet sich im Plattdeutschen. „Dak“ bedeutet dort „Nebel“ und darum geht es. Die Gesellschaft steht vor einem Problem in einer Größenordnung und Komplexität, das so viele theoretische Lösungen besitzt, dass niemand eine Idee hat, wie man die praktische Umsetzung gestalten soll. Theoretisch haben wir die Erkenntnisse, Technologien und das notwendige Geld, die schlimmsten Auswirkungen des Klimawandels in den Griff zu bekommen. Zwar sind Unternehmen egoistisch, die Politik unfähig und die Bürger zu doof – aber es ließe sich regeln, wenn man nur wollte. Aber man will ganz offensichtlich nicht – wahrscheinlich auch, weil völlig im Nebel liegt, wer „man“ sein könnte.
Deshalb reagieren alle so, wie man es erwartet. Die Politik spielt Regulierungstheater in den Bereichen, die sie gut regulieren kann. Damit kann man gut von Gebieten ablenken, wo Regulierung notwendig wäre, die Politik sie aber nicht durchsetzen kann – oder je nach Standpunkt – will. Diese korrupten Politiker.
„Die Wirtschaft“, oder vielmehr ihre bundesgenossenschaftlich verbandsorganisierten Vertreter fordern natürlich von dieser entscheidungsunfähigen Politik klare Rahmenbedingungen, ohne die sie leider nicht anfangen können, die Welt zu retten – soviel Ordnung muss auch im Untergang gewahrt bleiben. Wo kämen wir denn da hin, wenn da einzelne Unternehmen irgendwie großflächig anfangen, positive Fakten zu schaffen.
Mir als besorgtem Bürger fällt da nur noch eine Möglichkeit ein: ich tue nichts und beschwere mich aufwendig. Dieser unfähige Vollidiot H., wenn der nicht mal ein Heizungsgesetz hinbekommt, dann mache ich halt nichts für die Umwelt. Soll er doch sehen, was er davon hat. Und natürlich wähle ich die, die es ganz sicher nicht können.
Dann werde ich wengstens nicht von Rentenhaltelinien enttäuscht (meine schlimmste Befürchtung ist übrigens, ich könnte mich getäuscht haben und das merken). Lieber die, die es sicher nicht können als welche, die manchmal Fehler machen. Und ich bin ja für alles zu haben, aber wenn die meine Pendlerpauschale um 2% reduzieren oder 1% meines Vermögens über 10 Mio. EUR besteuern wollen, dann ist für mich Feierabend. Ich sterbe lieber frei und zügig, bevor es richtig schlimm wird.
Ich bewundere Ferdinand von Schirach. Er sieht er nicht nur Dinge, die man ändern müsste. Er macht sogar regelmäßig Vorschläge, wie man sie beheben könnte. Und er weiß, dass keiner dieser Vorschläge je Realität werden wird. Das ist verantwortungsethischer Sisiphosmus und ich bewundere das.
Moment mal, das ist die Lösung. Wir haben so viele Fakten, dass wir gelegentlich die Lüge brauchen, um das Elend auszuhalten? Wir wissen ganz genau, was zu tun wäre, solange wir selbst nicht betroffen sind? Ich habe es: ich mache einfach Dinge, die ich für richtig halte und weiß mich doch dabei alleine. Und dann wähle ich genau die, die es nicht können – damit sie nicht glauben, dass sie für jede Zumutung abgewählt werden. Und wenn mir einer die Ölheizung in meiner Klinkerbutze wegnehmen möchte und zwei Rentenbasisväterrentenpunkte dazu? Dann suhle ich mich in meinem Elend und mache einfach… nichts! Dem Penner am Frankfurter Hauptbahnhof habe ich heute einen Euro gegeben, obwohl er mich doof angeredet hat. Und wenn ich so darüber nachdenke, das fühlt sich richtig gut an.
Alea Jacta Est
Qu’on vienne de Budapest ou de gare de l’Est
Le temps passe
Alors Carpe Diem
(MC Solaar, Carpe Diem)
