Wieviel ist ein Leben wert, Dr. Schäuble?

Bundestagspräsident Dr. Schäuble hat am 26.04. in einem Interview für den Tagesspiegel angesichts der Einschränkungen vieler Grundrechte davor gewarnt, dem Schutz von Leben in der Corona-Krise alles unterzuordnen.1 Niemand unterstellt Dr. Schäuble eine Manchester-kapitalistische Sicht auf das Leben, aber durch die Hintertür nimmt er die Frage auf, die ich in der einen oder anderen Form auch schon gehört habe: Muss, kann und darf man die Folgekosten der Eindämmungsmaßnahmen gegen das dadurch geschützte Leben abwägen?

Muss man?

Die Frage ist nicht leicht zu beantworten, aber man hört es vielfach: Maßnahmen, die dem Schutz des Menschen und des Lebens dienen sollen, werden abgelehnt unter dem Vorhalt „das können wir uns nicht leisten“ oder „das ist unangemessen“. Immanuel Kant hat uns zwar erklärt: „Was einen Wert hat, hat auch einen Preis. Der Mensch aber hat keinen Wert, er hat Würde.“ Aber im realen Leben begegnen wir natürlich der Monetarisierung des Lebens. Nicht immer in der menschenverachtenden Logik, die Laurence Summers, damals Chefökonom der Weltbank, Anfang der neunziger Jahre aufstellte. „Eine Ladung Giftmüll in dem Land mit den niedrigsten Löhnen loszuwerden“, sagte er, sei „untadelig“ in der „ökonomischen Logik“. Je niedriger die Löhne, desto niedriger der finanzielle Ausfall bei Krankheit oder Tod durch Umweltschäden. Damit es jeder versteht, fügte er noch hinzu, er sei schon immer der Meinung gewesen, dass „Länder in Afrika deutlich unterverschmutzt sind“. Summers musste daraufhin den Chefposten der Weltbank verlassen.2

Aber sie begegnet uns durch die Geschichte bis heute in Sklavenhandel, Ästhetischer Chirurgie, Samenbanken und der Berechnung des Humankapitals.

Kann man?

Also legen wir ethische Fragen erstmal beiseite und messen.

Ökonomen machen allerhand auch kuriose und manchmal ethisch zweifelhafte Berechnungen. Der Wert des statistischen Lebens (WSL) zum Beispiel ist eine volkswirtschaftliche Messgröße, die Auskunft darüber geben soll, welchen Wert der Verlust oder die Verlängerung eines Menschenlebens in Geldeinheiten besitzt. Dies soll eine vergleichende ökonomische Entscheidungsfindung erleichtern (Man bemerke positiv, die Messgröße heisst eben nicht „Statistischer Wert des Lebens“).

Nicht nur Versicherungen benutzen diese Größe seit Jahrzehnten für die Berechnung von Risiken und Entschädigungszahlungen, auch Verkehrsministerien (Unfalltote), Mediziner (Kosten im Gesundheitswesen) und das Militär (Auslandseinsätze) wenden den WSL regelmäßig an. In die Messung gehen verschiedene Faktoren ein:

  1. Entschädigungszahlungen von Gerichten und dem Militär, die für den Tod von Menschen angesetzt werden
  2. Öffentliche Ausgaben für die Vermeidung von Verkehrstoten
  3. Der Wert, den der Mensch zukünftig als Erwerbstätiger an Einkommen erzielen kann (Kompensatorische Lohndifferenziale)
  4. Befragungen zur Selbsteinschätzung (z.B. „Sie sitzen mit 10.000 Menschen in einem Fußballstadion und erfahren, dass am Ausgang genau ein Mensch nach dem Zufallsprinzip erschossen werden wird. Wieviel wäre Ihnen ein sicherer Seitenausgang wert?)

Für die USA haben Michael Greenstone and Vishan Nigam im März 2020 eine Bewertung für verschiedene Social Distancing Maßnahmen vorgenommen und deren statistischen Wert des dadurch geschützten ermittelt.3

Verschiedene Social-Distancing-Szenarien wurden durchgespielt und die Mortalitätsrate der Szenarien verglichen. Wichtig zu wissen bei der Berechnung ist es, dass nur die direkten Todesfolgen bepreist wurden und keine schweren Krankheitsverläufe, etc. Der gefundene Wert unterschätzt, wie Greenstone und Nigam erklären, die wirklichen Kosten noch.

Szenarien der Social Distancing Maßnahmen

Daraus ergibt sich, gestaffelt nach Altersgruppen, für moderate Schutzmaßnahmen ein Wert des geschützten Lebens von 8 Billionen USD.

Ermittlung des WSL für diese Maßnahmen

Wie hoch wäre der Wert in Deutschland?

Verschiedene Länder setzen den WSL unterschiedlich an (3). Während in der Türkei der SL bei durchschnittlich 500.000 USD pro Leben liegt, werden in den USA ca. 8-10 Mio. USD angesetzt. Deutschland liegt in seinen statistischen Berechnungen in einer Größenordnung von 1.5 – 2 Mio. EUR.

Aber setzen wir zur Illustration den US-amerikanischen Wert von 8 Billionen USD bei einer Bevölkerung von 330 Millionen Menschen an und unterstellen für den Moment, dass Social Distancing in den USA nach einem ähnlichen Schema funktioniert und wirkt wie in Deutschland, dann läge der WSL für moderates Social Distancing (etwa in der Art, wie es in Deutschland derzeit praktiziert wird) umgerechnet auf 83 Mio. Einwohner bei ca. 1,8 Billionen EURO.

1,8 Billionen EURO wäre der Wert, den die öffentliche Hand in Deutschland ausgeben müsste (auch durch Subventionen und Unterstützung an Betriebe), um die vermiedenen Toten durch Social Distancing auch statistisch rechtfertigen zu können. Dieser Wert liegt noch weit über den bisher beschlossenen Maßnahmen.

Unterstellt man die Logik der „Man darf rechnen“-Fraktion, dann bestehen zumindest im Moment keine wirtschaftlichen Argumente dafür, die Corona-Schutzmaßnahmen als unwirtschaftlich zu qualifizieren. Selbst wenn man anführte, dass der US-amerikanische Wert das Leben um den Faktor 4 zu hoch ansetzte (das habe ich allerdings noch von keinem Politiker gehört), dann ergäbe sich ein Volumen des „angemessenen“ Konjunkturprogramms von ca. 450 Milliarden EUR. Unter einfachen Annahmen (83 Mio. Deutsche, 60% bis Herdenimmunisierung, 1% Mortalität) ergibt sich übrigens ein Wert von ca. 1 Billion EUR.

Darf man?

Kann und soll man den Wert des statistischen Lebens einsetzen, um Pandemiebekämpfung zu bewerten und Maßnahmen zu begrenzen?

Es ist wenig erstaunlich, dass in der angelsächsischen Philosophie des Utilitarismus und Konsequenzialismus, die dem Leben keinen intrinsischen Wert beimisst, sondern auf den Nutzen des Lebens und Marktpräferenzen abstellt, der WSL eine praktisch alltägliche Rolle spielt.

Dem stehen ethische Überlegungen in der Folge der Ethik Immanuel Kants entgegen, nach denen es sich bei Geld und Leben um inkommensurable Werte handelt (die nicht vergleichbar sind, da es ihnen an den vergleichbaren Eigenschaften mangelt).

Selbst in der angelsächsischen Verfassungstradition stellen allerdings die Verantwortlichen fest, dass die Anwendung zu großen ethischen Schwierigkeiten führen kann. Am 26. November 2001 begann für Kenneth Feinberg der härteste Job seiner Laufbahn. Als „grauenhafteste Erfahrung“ beschrieb er ihn Jahre später. Alles habe sich dadurch geändert, seine Arbeit, sein Leben, er selbst. „Ich glaube, zum Besseren“, schreibt er noch, aber er scheint sich da nicht ganz sicher zu sein. Kenneth Feinberg wurde zum Verantwortlichen für die unbürokratische Verteilung von Hilfs- und Entschädigungszahlungen an die Opfer der 11. September bestimmt. Sein Buch „What is life worth“ über seine Berechnungen und die moralische Dimension einer solchen Aufgabe ist äußerst lesenswert und man versteht, warum er „…betet, dass niemand mehr je eine solche Rolle [wie er selbst] spielen muss“.2 Offensichtlich besteht (meines Erachtens zurecht) ein gravierender Unterschied zwischen einer versicherungsmathematischen Betrachtung und deren praktischer Umsetzung.

Auf der anderen Seite besteht vermutlich übergreifender Konsens darüber, dass z.B. Versicherungsleistungen im Todesfall eine positive Errungenschaft der modernen Zivilisation sind. Und jede solche Betrachtung führt – wenn auch manchmal durch die Hintertür – Überlegungen zum Geldwert des Lebens in die Diskussion ein.

Was nun?

Es erscheint mir klar, dass man den WSL nicht verwechseln darf mit dem Wert des Lebens. Das Bundesverfassungsgericht hat in seinem bahnbrechenden Beschluss aus 2006 („Abschussermächtigung im Luftsicherheitsgesetz“) die Abwägung von Leben gegeneinander rundweg verboten. Selbst Anhänger der utilitaristischen Philosophie würden auch Ergebnisse vom Typ „vier Deutsche für einen Amerikaner“ nicht befürworten.

Es mus noch einen anderen Weg geben

Zunächst einmal halte ich es für sinnvoll, jede direkte Abwägung „Geld gegen Leben“ zu verbieten. Der Staat und seine Bürger dürfen niemanden ungeschützt lassen, weil der Gesamtbetrag der Hilfeleistungen (oder des Schadens) einen rechnerischen Schwellenwert überschritten hat. Der WSL ist kein statistischer Wert des Lebens, sondern eine Berechnungsgröße ohne eigene ethische Relevanz.

Des Weiteren halte ich es durchaus für sinnvoll, Kosten-Wirkungs-Analysen für Pandemiebekämpfung anzustellen. Wie kann der maximale Schutz für alle gewährleistet werden? Und vor diesem Hintergrund sind Fragen nach der Sinnhaftigkeit von Ausgangsbeschränkungen oder Maskenpflicht natürlich sinnvoll.

Drittens, wie weit darf Pandemiebekämpfung gehen? Welche Kosten müssen wir hinnehmen? Hier halte ich es für sinnvoll, dass die Leistungsfähigkeit des Staates ins Kalkül einbezogen wird. Jeder Mensch oder Staat hat eine Belastungsgrenze, die auch in einer Pandemiebekämpfung nicht überschritten werden kann, ohne das Gemeinwesen nachhaltig zu schädigen. Aber zu dieser Grenze möchte ich erstmal eine Analyse sehen. Und die liegt sicher nicht im gefühlten Wir-können-doch-nicht-Bereich.

Hinweis dazu: Bei derzeit 5.000 Covid19-Toten bei 150.000 nachgewiesenen Infektionen helfen auch die mutmaßlichen 25.000 jährlichen Grippetoten nicht wirklich weiter. Denn diese (und es waren wenige Jahre, in denen diese Zahlen wirklich erreicht wurden) beziehen sich auf 15-20 Millionen Infizierte. Da hilft mangels Übung oft ein Taschenrechner beim Dreisatz: das ergäbe 500.000 Corona-Tote. Und diese Zahl wird niemand ernsthaft als an-gemessen bezeichnen wollen.

Humor hilft und so beenden wir das Thema mit Thomas Fischer und seiner Analyse4:

„…Nun wieder neue Zahlen: Wie hoch ist der Wochenverlust der Buchwerte aller „deutschen“ Aktien? Nicht, dass das irgendeine reale Bedeutung hätte außer der, dass das Schicksal der Welt angeblich von dem festen Glauben abhänge, der Wert aller Aktien von Apple betrage 22 Fantastilliarden Schokoladentaler. Nächste Frage: Wie viele gesunde junge Menschen werden sich suizidieren, sobald ihr „Aktienpaket“ um 50 Prozent an Wert verloren hat, ihr E-Klasse-Coupé gepfändet ist und ihre vier nächsten Sommerurlaube gecancelt werden müssen? Hat das Leben einen Sinn ohne Carport, Fettabsaugen und japanische Kochmesser? Wie viele Neubauwohnungen sind 250 Tote wert?…“

Notes:

(1) Tagesspiegel vom 26.04.2020: Schäuble will dem Schutz des Lebens nicht alles unterordnen

„Wenn ich höre, alles andere habe vor dem Schutz von Leben zurückzutreten, dann muss ich sagen: Das ist in dieser Absolutheit nicht richtig… Wenn es überhaupt einen absoluten Wert in unserem Grundgesetz gibt, dann ist das die Würde des Menschen. Die ist unantastbar. Aber sie schließt nicht aus, dass wir sterben müssen“, so Schäuble. Der Staat müsse für alle die bestmögliche gesundheitliche Versorgung gewährleisten. „Aber Menschen werden weiter auch an Corona sterben.“ Schäuble warnte, dass die Stimmung in der Bevölkerung kippen könnte. Die Entscheidung über die massiven Grundrechtseinschränkungen dürfe nicht allein den Virologen überlassen werden, sondern die Politik müsse „auch die gewaltigen ökonomischen, sozialen, psychologischen und sonstigen Auswirkungen“ abwägen.

(2) Die Zeit vom 23.01.2018: Der Wert des Lebens

… Seiner Karriere schadete es nicht. Er wurde noch Finanzminister unter Bill Clinton, Berater von Barack Obama und Präsident der Harvard-Universität – bis er eine Bemerkung über Frauen in den Naturwissenschaften machte.

(3) Michael Greenstone, Vishan Nigam: Does Social Distancing Matter?

(4) Thomas Fischer in Spiegel Online vom 30.03.2020: Endlich frei!

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